Fondation Pierre Schmidt

Biographie

Pierre Schmidt 22.07.1894 - 15.10.1987 

Referat von Dr. P. Schneider an der Versammlung des SVHA am 28.l l.87

P. Schmidt war einer der bedeutendsten homöopathischen Ärzte der neueren Zeit. In den letzten Jahren hörten wir nicht mehr viel von ihm, da er durch eine Apoplexie das Gedächtnis weitgehend verloren hatte. So konnte er ruhig und in Frieden sterben.

P. Schmidt wurde am 22.7.1894 bei Neuchâtel, im schweizerischen Jura, als ältester Sohn einer Familie von 6 Kindern geboren. Als er 17-jährig war, zog die Familie nach Genève. Dort beendete er seine Mittelschule und absolvierte das Medizinstudium. Schon sehr früh hatte sich P. Schmidt zum Studium der Medizin entschlossen. Nicht zuletzt unter dem Einfluss eines homöopathischen Arztes, Dr. Ufert, der seinen Vater in Neuchâtel behandelt hatte, interessierte er sich für die Homöopathie. Dieser Arzt, ein strenger Hahnemannianer, meinte, die beiden ältesten Söhne, Pierre und Roger, sollten die Homöopathie erlernen, und überliess ihnen den Katechismus der Arzneimittellehre von Dewey und das Organon von Hahnemann. Diese Bücher begeisterten den jungen Pierre Schmidt. Schon bald machte er seine ersten therapeutischen Versuche, bei Nachbarn und Freunden.

Am Ende seines Medizinstudiums behandelte er einen Fall von Diphtherie bei einem 10-jährigen Knaben mit Mercurius cyanatus, nach Angaben von Dr. Beck, einem bekannten homöopathischen Arzt der Westschweiz, welcher um 1850 publizierte. Er kaufte sich 5 Zentigramm Quecksilbercyanid in einer Apotheke und fabrizierte sich eigenhändig in 8-stündiger Arbeit die 9. Centesimalpotenz. Davon gab er dem Kind 6 Tropfen alle 2 Stunden. Es handelte sich um eine schwere Form von Diphtherie, wie der Rachenabstrich ergab. Aber dem Kind ging es sehr rasch besser, und der nächste Rachenabstrich am 3. Tag war negativ. Das bakteriologische Institut hielt dies für unmöglich und liess noch einen Kontrollabstrich anfertigen, der ebenfalls negativ war. Das Kind war also von der Diphtherie geheilt.

Dieses Erlebnis war für das weitere Leben von Pierre Schmidt ausserordentlich wichtig. Er entschloss sich, das Studium der Homöopathie zu vertiefen, und alle homöopathischen Ärzte in der Schweiz zu besuchen. Dies fiel ihm nicht schwer, da es damals nur etwa 20 praktizierende homöopathische Ärzte gab. Er ging auch nach Paris, wo er bekannte homöopathische Ärzte wie Mondain, Chiron, Le Tellier, Teissier, Cartier, Léon Vannier traf. Er folgte auch den Konsultationen im Hospital Hahnemann und im Hospital St. Jacques.

Es beeindruckte ihn, wie wenig Zeit sich die homöopathischen Ärzte in Paris nahmen, und wie viele Medikamente sie verordneten, mit zusätzlichen so genannten "Drainage- und "Kanalisationsmitteln", fast ohne den Patienten überhaupt zu untersuchen oder zu befragen. Die Auffassungen dieser Ärzte schienen ihm gar nicht der Lehre Hahnemanns zu entsprechen. Nun schickte er sich an, wie Dr. Mende, von Zürich, ihm geraten hatte, nach England und den USA zu fahren. In London traf er die Ärzte Clarke, Weir, Wheeler, Fergie Woods, Margaret Tyler, Neatby, welche ihm grossen Eindruck machten. Bei Dr. John Weir sah er, wie sorgfältig und gewissenhaft die Patientenuntersuchung und Anamnese gemacht wurden, was er in Paris vermisst hatte. Auch lernte er den Gebrauch des Repertoriums kennen. Dies wir ihm bisher unbekannt.

Nun ging die Reise weiter nach New York, wo er den berühmten Professor Kent treffen wollte. Dieser war aber schon seit mehreren Jahren gestorben. Er hatte aber das Glück, bei zwei Schülern von Kent aufgenommen zu werden, nämlich Dr. Austin in New York, und Frau Dr. Gladwin in Philadelphie. 

Diese beiden Lehrer haben Pierre Schmidt während ca. eines Jahres gründlich in die Arbeitsweise von Kent eingeführt. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz begann Pierre Schmidt, das was er in Amerika gelernt hatte, aktiv weiterzugeben. Er übte eine grosse Vortrags- und Ausbildungstätigkeit aus. Neben vielen Schriften hinterlässt er auch einige grössere Werke, z.B. die französische Übersetzung der 6. Ausgabe von Hahnemanns Organon, ferner des Theorieteils der chronischen Krankheiten, und aus dem Englischen die Kent'schen Vorlesungen und Burnett's "50 Gründe, Homöopath zu sein". Er hat auch bald seinen Schülerkreis. In der Schweiz gehören dazu Dr. Künzli, in Frankreich u.a. Dr. Casez.

Wir haben das Glück, diese beiden hervorragenden Lehrer in Zürich und Genève für die Homöopathievorlesungen zu haben, bzw gehabt zu haben. In den zwanziger Jahren hat Pierre Schmidt zusammen mit anderen Ärzten die Internationale homöopathische Liga gegründet, welche in regelmässigen Abständen Kongresse veranstaltet. 1931 präsidierte er den Kongress von Genève, der ausserordentlich gründlich vorbereitet wurde. Die Kongressakten füllen ein Buch von 450 Seiten, dessen Inhalt und Einband bis ins letzte Detail gepflegt werden. Nach dem Weltkrieg, 1946, gründet Pierre Schmidt eine Schule in Lyon, genannt Groupement Hahnemannien, wo er monatlich an einem Wochenende Kurse gibt. Diese Kurse werden publiziert in den "Cahiers", welche bis vor kurzem noch unter der Regie von Dr. Jacques Baur erschienen. Der Einfluss von Pierre Schmidt reichte aber auch weiter, z.B. nach Lateinamerika und zum indischen Subkontinent, wo die Saat der Homöopathie besonders gut aufgegangen ist. In mehreren Ländern Lateinamerikas ist die Homöopathie staatlich anerkannt, und in Indien geniesst sie ebenfalls staatliche Unterstützung. Leider blieben Pierre Schmidt die Enttäuschungen nicht erspart.

Nach seinem Amerikaaufenthalt hatte er sich mit Dora Nagel verheiratet. Zwei Mädchen entsprangen dieser Ehe. Doch beide Kinder starben in einer Encephalitis-Epidemie, trotz der besten Hilfe, welche ihnen zuteil geworden war. Bei dieser Gelegenheit lernte Pierre Schmidt die Anteilnahme von Dr. Nebel und anderen Kollegen schätzen, welche ihm in diesen schweren Stunden, wo alles verloren war, noch eine winzige Hoffnung machten. Mit seiner Frau zusammen verfasste er mehrere Publikationen. Dora Schmidt-Nagel war Apothekerin und gründete ein wissenschaftliches Laboratorium für die Herstellung von Hochpotenzen, welches in der ganzen Welt berühmt wurde. In den letzten Jahren, als Frau Schmidt-Nagel krank war und verstarb, wurde das Laboratorium leider schlecht geführt, was einen grossen Vertrauensschwund bewirkte. Die jetzigen verantwortlichen Apothekerinnen, Frau Howald und Frau Mezzanotte, geben sich aber grosse Mühe, durch beste Qualitätsarbeit die Tradition von Frau Schmidt-Nagel weiterzuführen.

1974 wurde in Genève anlässlich des 80. Geburtstags von Pierre Schmidt ein 3 tägiges Symposium abgehalten, wo alle Schüler sowie namhafte Persönlichkeiten der homöopathischen Welt Grussbotschaften übermittelten oder wissenschaftliche Vorträge hielten. Die fast 450-seitigen Akten des Symposiums enthalten u.a. eine von Dr. Klunker zusammengestellte 17 Seiten lange Liste der Publikationen von Pierre Schmidt.